gefühle offenbaren

Meine Utopie ist eine Welt, in der Beziehungen Räume schaffen, in denen wir ehrlich sein können, offen, wir selbst. In denen wir gemeinsam Umgänge finden mit den Wünschen_Begehren_Bedürfnissen_Erwartungen, die in und zwischen uns entstehen. In denen wir einander wertschätzen und an_erkennen, be_stärken und be_schützen.

Aus meiner Utopie meine Praxis zu machen, finde ich gerade dann sehr schwer, wenn ich eine Person besonders toll finde, mich zu ihr_ihm stark hingezogen fühle und mir von ihr_ihm mehr (Aufmerksamkeit_Zeit_Nähe) wünsche als von den meisten anderen. Eigentlich ist mein Anspruch, so einer Person genau das sagen zu können. Und dabei unabhängig zu sein von ihrer_seiner Erwiderung. Unabhängig davon, ob sie_er von mir ähnlich viel möchte oder nicht.

Meine Gefühlsrealität ist aber oft anders, ich hoffe_wünsche_begehre Gegenseitigkeit. Ich merke, wie ich unsicher werde in der Gegenwart von so einer Person, wie ich mehr auf meine Füße und auf mich selbst kucke als ihr_ihm ins Gesicht. Ein Teil von mir macht pausenlos Saltos und Kopfstände und ruft „kuck hier bin ich sieh mich an find mich gut“ und ein anderer ist mit permanenter Selbstabwertung beschäftigt: „mensch, das ist voll uncool, übrigens bist du nicht sehr schön und nicht sehr lustig, lass es doch einfach“.

So verliere ich manchmal mich selbst und meine Utopie. Bis mir wie Schuppen von den Augen fällt, dass ich gerade so viele Dinge tue, die ich nicht (mehr) möchte: Ich spiele Spielchen. (Wenn sie_er sich nicht meldet, dann melde ich mich halt auch nicht.) Ich fahre Filme. (Sie_er hat heute keine Zeit, offensichtlich bin ich ihr_ihm egal.) Ich bin das Gegenteil von offen und ehrlich, ich mache mich abhängig, schwach und klein. Mein Begehren bleibt unausgesprochen, uneindeutig, missverständlich, weil ich es wenn, dann nur über gelernte Verhaltens_Muster kommuniziere.

Viel lieber möchte ich sagen können: „du, ich begehre dich, fühle mich hingezogen zu dir, du ziehst mich an, und darum genieße ich zeit mit dir, aufmerksamkeit von dir ganz besonders“.

Aber ist eine solche Offenbarung für die andere Person tatsächlich nur schön_anerkennend_wertschätzend? Nichts als ein Kompliment? Kann ich so offen sein und mich gleichzeitig frei machen davon, zu hoffen, dass sie_er für mich auch besonders fühlt? Setze ich eine Person damit unter Druck, zu reagieren, etwas zu erwidern? Ist der Preis dafür, dass ich mich besser_stärker_handlungsfähiger fühle, dass ich eine_n andere_n über_fordere? Wann stärken und vertiefen Offenheit und Ehrlichkeit Beziehungen, wann belasten sie sie? Wie viel Belastung ist okay? Wie gehe ich um mit meiner Angst, m_eine Beziehung zu verlieren?

Und welche Rolle spielen die W_Orte, die ich für meine Gefühle wähle? Möchte_kann ich zu einer Person sagen: „ich habe mich in dich verliebt“? Wenn ich mich so fühle und weil der Satz so groß und schön und diffus und unklar ist wie mein Innenleben? Oder kommt „verliebt“ automatisch im Paket mit belastenden, über_fordernden, einschränkenden Assoziationen und Konnotationen? Kann ich mich „verliebt“ nennen ohne gleichzeitig – auch unausgesprochen – zu fragen „du auch?“. Kann ich mich „verliebt“ nennen und glauben, dass m_einer Beziehung noch alle Entwicklungs_möglichkeiten offen stehen?

Ich glaube immer mehr, dass meine Utopie eigene W_Orte braucht, damit ich sie leben kann inmitten der Welt, die uns prägt. Es fordert mich heraus und es empowert mich, sie zu finden und sie zu äußern, und mit meinen eigenen Gefühlen und den Erwiderungen anderer so umgehen zu lernen, das wir und unsere Beziehungen an ihnen wachsen.

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8 Gedanken zu „gefühle offenbaren“

  1. Man kann einer Person doch ohne Worte zeigen, dass man sie mag, begehrt, in sie verliebt ist. Und an den Reaktionen sieht man, ob es eine Gegenseitigkeit gibt.

  2. Danke für diesen wunderbaren Artikel. Du sprichst einiges aus, was mich in letzter Zeit beschäftigt hat. Behalt deine Utopie! Liebe sollte frei machen und bestärken!

  3. Mir hat es meist NICHT gefallen, wenn z.B. ein Mann mir f2f sagte, dass er in mich verliebt ist, auf mich steht, mich begehrt oder was auch immer. Es gefällt nur dann, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht – was wohl eher die Ausnahme als die Regel ist.
    Wenn ich sein Begehren und seine Bewunderung nämlich NICHT erwiedere, bringt mich so ein Geständnis in die unangenehme Lage, ihm deutlich und ebenfalls in Worten etwas Negatives sagen zu müssen, was ihn vermutlich schmerzt, vielleicht auch ärgert, wütend macht, beleidigt – je nachdem, wie er drauf ist.

    Wenn ich jemanden begehre, dann zeige ich ihm das in einer unverfänglichen Art (mit Blicken, Aufmerksamkeit…) – eben so, dass er weiß, dass seinerseits „Action“ durchaus erwünscht ist. Kommt dann nichts, weiß ICH, dass er meine Gefühle nicht erwiedert. Ganz ohne dass ich ihn in die Verlegenheit gebracht hätte, mir allzu deutlich und in Worten sein Nicht-Begeistert-Sein sagen zu müssen.

    Umgekehrt ist es genauso, wobei sich Männer oft mit Ablehnung schwerer tun. Da gibts dann auch welche, die die Frau halt „mal eben mitnehmen“ – aber viel mehr als ein ONS wird dann nicht draus und Frau ist frustriert. Fühlt sich womöglich missbraucht…

    Kurzum: Es muss im Gefühlsbereich nicht alles laut daher gesagt werden… das ist nicht Freiheit, das ist mangelndes Fingerspitzengefühl….

    1. Hallo Claudia, danke Dir für Deinen Kommentar!
      Du und auch HumanSens sprecht genau das Dilemma an, das mich beschäftigt: Ist sensibler, Zuneigung nonverbal, durch mein Verhalten auszudrücken, weil ich eine Person dann nicht in eine Situation bringe, in der sie_er unmittelbar reagieren muss? Oder führt es eher zu größerer Verunsicherung auf beiden_allen Seiten, nicht klar zu sagen, wie ich fühle? Ich bin da immer noch unentschieden – ich kann ja niemals im Voraus wissen, was so eine Offenbarung bei meinem Gegenüber auslöst. Und dass ich negative Gefühle auszulösen könnte, fühlt sich erst einmal nicht so cool an.
      Allerdings glaube ich immer mehr, dass ich lieber in Beziehungen leben möchte, in denen Gefühle_Erwartungen_Begehren offen geäußert und Umgänge mit ihnen gefunden werden können. „Fingerspitzengefühl“ bedeutet für mich, dass ich versuche, nicht-verletzend und nicht-druckauslösend zu kommunizieren – sowohl dann, wenn ich sagen möchte „hey, ich find dich toll und wünsch mir mehr von dir“, als auch dann, wenn ich reagieren möchte „hmm, sorry, das geht mir nicht so“. Ich wünsche mir Beziehungen, in denen wir gemeinsam herausfinden können, wie wir mit nicht-deckungsgleichen Bedürfnissen so umgehen können, dass alle sich okay fühlen damit. Klar ist superschwer und unter Umständen schmerzhaft, mich zu offenbaren, in Verlegenheit gebracht zu werden oder Ablehnung kommunizieren zu müssen.
      Aber ich frage mich, ob das nicht eher daran liegt, dass wir nicht richtig gelernt haben, offen miteinander umzugehen. Und stattdessen dieses seltsame Ideal der Romantischen Heterosexuellen Zweierbeziehung verinnerlicht haben, die ganz selbstverständlich_automatisch dank klaren Rollenverteilungen und Codes zu funktionieren hat…

  4. Die direkte Offenbarung hat den Vorteil, dass dann alles klar ist. Tja, und meistens auch: damit sind alle Hoffnungen erledigt. Aber genau das ist ja auch das Gute daran, mensch hechelt nicht mehr falschen Hoffnungen hinterher. Die Kunst beim Sichoffenbaren ist es, dies auf eine nette, charmante, freundliche Weise zu tun – und nicht fordernd. Aber das geht schon – und ist für die Gegenseite zumeist viel weniger unangenehm als mensch es sich vorher vorgestellt hat.

    Außerdem gibt es ja auch Zwischenwege, wo man also erst mal nur Andeutungen macht, oder so Dinge sagt, wie dass mensch sich total wohl fühlt in seine/ihrer Anwesenheit. Oder oder oder. Die „totale Offenbarung“ muss also eigentlich nicht sein. Trotzdem ziehe ich persönlich das vor. Das ist für mich „aktiver“. Und ich möchte ich meinem Leben und meinen Mitmenschen eben aktiv stellen. Wenn die Phase des Uneindeutigen zu lange anhält, dann nervt mich das.

    Für mich gilt: Lieber ganz direkt – und dabei nett.

  5. Danke für den Text! Glaube nicht, dass es eine Pauschallösung für das Dilemma gibt – jede Beziehung ist anders, jedes Gegenüber befindet sich in einer anderen Situation, jede Beziehung hat andere Kommunikationsebenen. Es ist so schwierig, offen und zugleich nicht grenzüberschreitend oder übergriffig eigene Gefühle und Bedürfnisse zu kommunizieren. Ich versuche in jedem Fall einzeln einen möglichst ehrlichen Weg zu finden….und stoße doch immer wieder auf die von Dir aufgeworfenen Fragen. Vielleicht geht es aber auch mehr um das stellen der Fragen, als um das Finden der „allgemeingültigen“ Lösungen.

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