wut_ventile

Wohin geht eigentlich all meine Wut? frage ich mich seit ein paar Tagen. Ich bemühe mich so sehr um Klarkommen_Verzeihen_Schwamm_Drüber_schlafen, dass ich ins Stolpern und Zweifeln komme. Warum schreie, weine, wüte ich eigentlich nicht? Wo steckt mein Schmerz?

Ist das auch ein Teil von meinem weiblich-sozialisiert-worden-sein, dass mir so schwer fällt, negative Gefühle gegen_über Andere_n zu spüren und auszudrücken? „Stell dich nicht so an“ „nimm dich zurück“ „reg dich nicht auf“ „sei nicht so“ „übertreib nicht“ „versetz dich doch mal in ihre perspektive“ „kuck dich selbst mal an“ „du hast doch auch…“

In meinem Umfeld kennen das viel mehr Menschen als ich erst dachte. Sogar eine Person, die ich als sehr stark_unmittelbar_wutbegabt wahrnehme, sagte mir gestern: für andere wütend sein fällt mir total leicht, aber für mich? das wird ganz schnell zu einer destruktiven kiste gegen mich selbst.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, was für unglaublich ausdifferenzierte, individuelle Wege wir gefunden haben für unsere Wut, unseren Schmerz und unsere Enttäuschungen. Damit die schön in uns drinnen bleiben und nicht gefährlich werden für unsere Beziehungen_Welten. Ich zum Beispiel habe meinen unverw_ortbaren Schmerz in Gewalt gegen meinen Körper verwandelt. Ich habe ihn in wüste Bilder geschmiert oder in Alkohol ertränkt. Vor dem Fernseher oder in Büchern oder durch einfach-nicht-mehr-Aufstehen zu betäuben versucht.

Das sind alles klasse Strategien, wenn ich mit mir alleine klarkommen muss. Aber wenn ich den Menschen gegenüber stehe, die meine Wut und meinen Schmerz ausgelöst haben, wenn ich in meiner Außen_Welt über_leben möchte, helfen sie mir nicht. Mir fehlen die W_Orte für Wut in Beziehungen. Ich habe sie noch nicht gefunden_erlernt_erprobt, und das macht mich noch wütender. Weil ich sie brauche, wenn ich mich nicht schwach_hilflos_ausgeliefert_unvollständig_unsichtbar fühlen möchte. Weil ich ohne meine Wut und meinen Schmerz nicht ganz bin. Weil ich nicht nur lieb und harmlos und verständnisvoll und abwägend bin, sondern auch absolut irrational emotional. Und, weil ich ganz deutlich spüre, dass ich die Perspektive der Anderen nur dann anzunehmen beginnen kann, wenn auch all meine Gefühle W_Orte haben. Ohne sie komme ich keinen Schritt voran, und meine Beziehungen verarmen.

gefühle offenbaren

Meine Utopie ist eine Welt, in der Beziehungen Räume schaffen, in denen wir ehrlich sein können, offen, wir selbst. In denen wir gemeinsam Umgänge finden mit den Wünschen_Begehren_Bedürfnissen_Erwartungen, die in und zwischen uns entstehen. In denen wir einander wertschätzen und an_erkennen, be_stärken und be_schützen.

Aus meiner Utopie meine Praxis zu machen, finde ich gerade dann sehr schwer, wenn ich eine Person besonders toll finde, mich zu ihr_ihm stark hingezogen fühle und mir von ihr_ihm mehr (Aufmerksamkeit_Zeit_Nähe) wünsche als von den meisten anderen. Eigentlich ist mein Anspruch, so einer Person genau das sagen zu können. Und dabei unabhängig zu sein von ihrer_seiner Erwiderung. Unabhängig davon, ob sie_er von mir ähnlich viel möchte oder nicht.

Meine Gefühlsrealität ist aber oft anders, ich hoffe_wünsche_begehre Gegenseitigkeit. Ich merke, wie ich unsicher werde in der Gegenwart von so einer Person, wie ich mehr auf meine Füße und auf mich selbst kucke als ihr_ihm ins Gesicht. Ein Teil von mir macht pausenlos Saltos und Kopfstände und ruft „kuck hier bin ich sieh mich an find mich gut“ und ein anderer ist mit permanenter Selbstabwertung beschäftigt: „mensch, das ist voll uncool, übrigens bist du nicht sehr schön und nicht sehr lustig, lass es doch einfach“.

So verliere ich manchmal mich selbst und meine Utopie. Bis mir wie Schuppen von den Augen fällt, dass ich gerade so viele Dinge tue, die ich nicht (mehr) möchte: Ich spiele Spielchen. (Wenn sie_er sich nicht meldet, dann melde ich mich halt auch nicht.) Ich fahre Filme. (Sie_er hat heute keine Zeit, offensichtlich bin ich ihr_ihm egal.) Ich bin das Gegenteil von offen und ehrlich, ich mache mich abhängig, schwach und klein. Mein Begehren bleibt unausgesprochen, uneindeutig, missverständlich, weil ich es wenn, dann nur über gelernte Verhaltens_Muster kommuniziere.

Viel lieber möchte ich sagen können: „du, ich begehre dich, fühle mich hingezogen zu dir, du ziehst mich an, und darum genieße ich zeit mit dir, aufmerksamkeit von dir ganz besonders“.

Aber ist eine solche Offenbarung für die andere Person tatsächlich nur schön_anerkennend_wertschätzend? Nichts als ein Kompliment? Kann ich so offen sein und mich gleichzeitig frei machen davon, zu hoffen, dass sie_er für mich auch besonders fühlt? Setze ich eine Person damit unter Druck, zu reagieren, etwas zu erwidern? Ist der Preis dafür, dass ich mich besser_stärker_handlungsfähiger fühle, dass ich eine_n andere_n über_fordere? Wann stärken und vertiefen Offenheit und Ehrlichkeit Beziehungen, wann belasten sie sie? Wie viel Belastung ist okay? Wie gehe ich um mit meiner Angst, m_eine Beziehung zu verlieren?

Und welche Rolle spielen die W_Orte, die ich für meine Gefühle wähle? Möchte_kann ich zu einer Person sagen: „ich habe mich in dich verliebt“? Wenn ich mich so fühle und weil der Satz so groß und schön und diffus und unklar ist wie mein Innenleben? Oder kommt „verliebt“ automatisch im Paket mit belastenden, über_fordernden, einschränkenden Assoziationen und Konnotationen? Kann ich mich „verliebt“ nennen ohne gleichzeitig – auch unausgesprochen – zu fragen „du auch?“. Kann ich mich „verliebt“ nennen und glauben, dass m_einer Beziehung noch alle Entwicklungs_möglichkeiten offen stehen?

Ich glaube immer mehr, dass meine Utopie eigene W_Orte braucht, damit ich sie leben kann inmitten der Welt, die uns prägt. Es fordert mich heraus und es empowert mich, sie zu finden und sie zu äußern, und mit meinen eigenen Gefühlen und den Erwiderungen anderer so umgehen zu lernen, das wir und unsere Beziehungen an ihnen wachsen.

mager_sucht und beziehungen

Meine Mager_sucht hat mich jahrelang vor der „Welt“ und den „Anderen“ beschützt_abgeschirmt. Für sie habe ich meine ganze Aufmerksamkeit, Konzentration und Kraft gebraucht, mit ihr blieb mir kaum Raum für Andere_s. Das habe ich gespürt und oft hat es mich auch geärgert, dass ich nie ganz da und immer schnell wieder weg war. Inzwischen bin ich mehr da und bleibe länger. Vor allem versuche ich anzuerkennen und Umgänge damit zu finden, dass ich unbeholfen_ungeschickt_unsicher in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen bin. Und dass das – nicht nur, aber viel – mit Mager_sucht_mustern zu tun hat, die ich jahrelang erprobt, perfektioniert und verinnerlicht habe.

Wie sie sich auf meine Beziehungen ausgewirkt hat, beginne ich erst jetzt zu verstehen – und viele Einsichten sind schmerzlich. Ich weiß nicht, wie oft ich mich schon für mein „schlechtes Kurzzeitgedächtnis“ entschuldigt habe, wenn ich wieder nichts mehr von dem Wichtigen wusste, das ein_e Freund_in eben erst mit mir geteilt hatte. Oft konnte ich mich schon auf dem Heimweg nicht mehr daran erinnern, worüber wir gesprochen haben. Einmal sagte mir ein enger Freund, es verletze ihn, dass ich ihn „wie einen Termin“ behandelte. Ich bin immer nach zwei Stunden gegangen, um mit meinem Hungern allein zu sein. Damit keine_r bemerkte, wie sehr es mich bestimmte. Oft genug war ich auch verbal verletzend, weil mir etwas aggressives_unachtsames einfach herausgerutscht ist. Das passiert einer schnell, die mit ihrem ganzen Körper und Geist nur beim Nicht_Essen ist.

Meine Mager_sucht war die Nebelwand, hinter der die Anderen verschwunden sind. Dass mir Menschen näher kommen, emotional und körperlich, war lange undenkbar und bleibt belastet_schwer für mich.

Inzwischen komme ich (wieder) näher heran an all meine Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte, Ängste und Unsicherheiten. Ich erfahre (wieder), dass meine Gefühle für Andere_s überwältigend intensiv sein können. Ich mache Minischritte auf Menschen zu, lerne (neu), wie einander nah sein sich anfühlt.

Das ist super, na klar. Ich kann kaum in Worte fassen, wie dringend und sehr ich die Welt umarmen möchte, weil mir so viel Schönes gelungen ist. Schönes, das für mich sehr lange undenkbar war: mit einer Freundin einen ganzen Tag verbringen, eine streicheln und meinen Kopf an ihre Schulter lehnen, eine neue Bekanntschaft treffen und zuhören_wertschätzen_kennenlernen, eine ganze Nacht mit eigentlich fremden Menschen lachen_reden_biertrinken_tanzen, überwältigend viel Liebe und Wertschätzung empfinden für zwei, die schon lange aber plötzlich so viel greifbarer in meinem Leben sind. Und immer wieder habe ich Lust_Appetit_Hunger auf mehr.

Aber es gibt auch Momente, in denen mein neuer_wiederentdeckter Hunger mir Angst macht. Was, wenn ich zu viel will? Übertreibe? Über_fordere? Ent_täuscht werde? Mich verletzlich mache? Liebe_begehre_wünsche, aber nicht geliebt_begehrt_erwünscht werde_bin?

Es fällt mir schwer, mit meinen Unsicherheiten_Ängsten_Zweifeln umzugehen, sie auszuhalten und anzuerkennen. Gleichzeitig macht es mich stolz, sagen zu können: Seht hier, ich hab wieder Räume für Menschen in meinem Leben, damit bin ich zwar immer mal wieder überfordert, aber hey! Auch dafür ist Platz!