dicke mädchen im freiluftkino

Gestern habe ich mir den gehypt-lobpreisten großartigen! LowBudget-Film „Dicke Mädchen“ angeschaut, im Körnerparkkino in Neukölln mit ganz schön vielen anderen Menschen zusammen. Die Handlung geht so: Zwei Männer im mittleren Lebensalter verlieben sich ineinander. Die uralte Mutter des einen ist die Klammer, die sie zunächst zusammenbringt und -hält. Als sie stirbt, müssen die beiden sich und ihre Beziehung zueinander neu_er_finden, scheitern daran. Am Ende bricht einer auf.

Ich fand das eine wunderschöne, zurecht „herzerwärmend“ genannte Geschichte. Beizeiten ist sie fast unangenehm nah dran an den Protagonisten, denen direkt drauf gefilmt wird auf ihre nicht-schönheitsnormkonformen Körper, in ihre Verunsicherung und mehr-so-Peinlichkeiten. Ihre Annäherung und Entfremdung ist voll von großen kleinen Momenten, ihre Sprach_Wort_losigkeit zum Schreien komisch_beklemmend.

Auf diese Nähe haben auch wir Zuschauer_innen reagiert, heftig zum Teil. Wie ein Kippbild kam mir das vor: Mit_An_lachen_strahlen_freuen. R_Aus_lachen_kichern_geifern. Und von vorne.

Körperbilder haben Menschen neben mir lautstark stöhnend kommentiert mit „bitte-nicht-oh-nein-oh-Gott-igitt“. Lagen die Protagonisten aneinandergeschmiegt im Bett, ging ein kollektives „Süüüüüüüüüüüüüüüß“ durch die Reihen. Neben mir war ein Typ pausenlos dabei, s_einer Freundin auf seinem Schoß die Zunge ins Ohr und die Hände unters Shirt zu stecken. Massig Heteroperformance auch auf anderen Plätzen, Typen die sich dr_auf_lehnten, Anspruch markierten, ganz eindeutig waren.

Für mich atemberaubend viele Dimensionen von Abwehr. Da haben Leute einer lautstark leinwandfüllenden Geschichte doch noch Raum genommen, sie immer dann un_sicht_hör_bar gemacht, wenn ihnen der mehrfache Tabubruch unerträglich wurde. Wie ein kollektives Raunen: „so ne liebe zwischen zwei dicken typen, die gucken wir uns gerne mal an, die halten wir schon aus, wir können sie ja clownifizieren_ungefährlich_lächerlich_machen“.

Mir ist an dem Abend bewusst geworden, dass Mit_ansehen_erleben_fühlen auch weggelacht werden kann. Mit den Fingern auf die nicht-norm_schönen_jungen_liebenden Körpern zeigen und „ooooch“ machen ist auch ein von-uns-wegweisen.

Davon steckt schon was im Titel. „Dicke Mädchen“ kommen gar nicht vor. Aber sie erinnern daran, dass ein Thema des Films nicht-normgemäße Männlichkeit ist. „Dicke Mädchen“ klingt so süß_niedlich_unmündig. „Dicke Mädchen“ macht leichter, sich mit den Protagonisten nicht zu identifizieren. Heult doch, ihr seid nicht wie wir.

Und am Ende gabs standing ovations für den Regisseur.

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