mager_sucht und beziehungen

Meine Mager_sucht hat mich jahrelang vor der „Welt“ und den „Anderen“ beschützt_abgeschirmt. Für sie habe ich meine ganze Aufmerksamkeit, Konzentration und Kraft gebraucht, mit ihr blieb mir kaum Raum für Andere_s. Das habe ich gespürt und oft hat es mich auch geärgert, dass ich nie ganz da und immer schnell wieder weg war. Inzwischen bin ich mehr da und bleibe länger. Vor allem versuche ich anzuerkennen und Umgänge damit zu finden, dass ich unbeholfen_ungeschickt_unsicher in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen bin. Und dass das – nicht nur, aber viel – mit Mager_sucht_mustern zu tun hat, die ich jahrelang erprobt, perfektioniert und verinnerlicht habe.

Wie sie sich auf meine Beziehungen ausgewirkt hat, beginne ich erst jetzt zu verstehen – und viele Einsichten sind schmerzlich. Ich weiß nicht, wie oft ich mich schon für mein „schlechtes Kurzzeitgedächtnis“ entschuldigt habe, wenn ich wieder nichts mehr von dem Wichtigen wusste, das ein_e Freund_in eben erst mit mir geteilt hatte. Oft konnte ich mich schon auf dem Heimweg nicht mehr daran erinnern, worüber wir gesprochen haben. Einmal sagte mir ein enger Freund, es verletze ihn, dass ich ihn „wie einen Termin“ behandelte. Ich bin immer nach zwei Stunden gegangen, um mit meinem Hungern allein zu sein. Damit keine_r bemerkte, wie sehr es mich bestimmte. Oft genug war ich auch verbal verletzend, weil mir etwas aggressives_unachtsames einfach herausgerutscht ist. Das passiert einer schnell, die mit ihrem ganzen Körper und Geist nur beim Nicht_Essen ist.

Meine Mager_sucht war die Nebelwand, hinter der die Anderen verschwunden sind. Dass mir Menschen näher kommen, emotional und körperlich, war lange undenkbar und bleibt belastet_schwer für mich.

Inzwischen komme ich (wieder) näher heran an all meine Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte, Ängste und Unsicherheiten. Ich erfahre (wieder), dass meine Gefühle für Andere_s überwältigend intensiv sein können. Ich mache Minischritte auf Menschen zu, lerne (neu), wie einander nah sein sich anfühlt.

Das ist super, na klar. Ich kann kaum in Worte fassen, wie dringend und sehr ich die Welt umarmen möchte, weil mir so viel Schönes gelungen ist. Schönes, das für mich sehr lange undenkbar war: mit einer Freundin einen ganzen Tag verbringen, eine streicheln und meinen Kopf an ihre Schulter lehnen, eine neue Bekanntschaft treffen und zuhören_wertschätzen_kennenlernen, eine ganze Nacht mit eigentlich fremden Menschen lachen_reden_biertrinken_tanzen, überwältigend viel Liebe und Wertschätzung empfinden für zwei, die schon lange aber plötzlich so viel greifbarer in meinem Leben sind. Und immer wieder habe ich Lust_Appetit_Hunger auf mehr.

Aber es gibt auch Momente, in denen mein neuer_wiederentdeckter Hunger mir Angst macht. Was, wenn ich zu viel will? Übertreibe? Über_fordere? Ent_täuscht werde? Mich verletzlich mache? Liebe_begehre_wünsche, aber nicht geliebt_begehrt_erwünscht werde_bin?

Es fällt mir schwer, mit meinen Unsicherheiten_Ängsten_Zweifeln umzugehen, sie auszuhalten und anzuerkennen. Gleichzeitig macht es mich stolz, sagen zu können: Seht hier, ich hab wieder Räume für Menschen in meinem Leben, damit bin ich zwar immer mal wieder überfordert, aber hey! Auch dafür ist Platz!