Mit Tätern reden müssen

Bei diesem Text geht es um sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz. Um einen körperlichen Übergriff. Um einen der schlimmsten Momente meines Lebens. Und darum, wie es sich anfühlt, mit einem „Täter“ weiter umgehen zu müssen. Um meine Strategien, damit klarzukommen. Ich schreibe ihn auf, weil ich hoffe, dass er Mut macht, dass er anderen das Gefühl gibt: Du bist nicht allein. Du kannst (Aus-)Wege finden, die für Dich die richtigen sind. Du wirst das überleben.

An die Geschichte, um die es geht, hatte ich ein gutes Jahr lang keinen Gedanken mehr verschwendet. Ich dachte, das Thema wäre durch. Bis ich mich in einer Situation wiederfand, in der ich jede Woche aufs neue mit dem „Täter“ konfrontiert bin, dem Typ, der meine Grenzen verletzt hat. Er leitet eine Arbeitsgruppe, in die mein Chef mich und einen Kollegen von mir entsand hat. Kaum hatte ich davon erfahren, waren tausend Bilder und Ohnmachtsgefühle, all meine Wut und Trauer wieder da, als wäre es gestern gewesen. Ich fuhr zwei Wochen lang Achterbahn – von Gleichgültigkeit über Schockstarre bis hin zu Angst, Panik, schwarzes Loch. Jeden Abend vor der nächsten Arbeitsgruppensitzung konnte ich kaum schlafen, jeden Morgen fuhr ich mit Bauchschmerzen ins Büro. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und was mir schließlich einfiel, überzeugte zunächst weder meine Freund_innen noch mich selbst.

Aber ich fange besser am Anfang an.

Die Vorgeschichte, oder: Frau will Job

Ich arbeite in einer ziemlich großen Institution. Immerhin ist sie groß genug, dass ich vielen Menschen, die in anderen Abteilungen arbeiten, noch nicht einmal zufällig über den Weg laufe. Entsprechend habe ich S. auch nicht in der Institution, sondern bei einer Veranstaltung „außerhalb“ kennen gelernt, an der wir beide aus beruflichen Gründen teilnahmen.

S. arbeitet in dem Bereich in der Institution, der mich am meisten interessiert. Genaugenommen träumte ich seit Jahren davon, irgendwann einmal dorthin wechseln zu können. Also habe ich ein Gespräch mit ihm angefangen – genaugenommen habe ich mich auf die Gelegenheit gestürzt, eine Person aus *diesem* Bereich auf „neutralem“ Boden, auf Augenhöhe kennen zu lernen. Ich fragte ihn über seinen Arbeitsbereich aus, erzählte von meinem Werdegang, ließ durchblicken, dass ich einiges an Expertise mitbringe. Er wirkte ganz begeistert darüber, mich zu treffen, denn in der Tat stand gerade im Raum, eine neue Person in seinem Arbeitsbereich einzustellen. Wir sprachen über die Stelle und über Gestaltungsspielräume. Ich war ziemlich aus dem Häuschen und dachte: Wow. Rechter Zeit, rechter Ort. Vielleicht kann ich ja wirklich bei diesem ziemlich guten Arbeitgeber bleiben *und* endlich zu den Themen arbeiten, zu denen ich seit Jahren arbeiten will? Womöglich sogar auf einer besser bezahlten Stelle, die mehr meinen Qualifikationen entspricht!

Ich blieb also am Ball. S. und ich fingen an, Emails auszutauschen, die im Verlauf von ein, zwei Wochen auch privatere Untertöne bekamen. Wie war dein Wochenende? Wie gelingt Dir so etwas wie eine Work-Life-Balance? Aber der Schwerpunkt lag immer auf politischen, fachlichen, arbeitsbezogenen Diskussionen. Wir hatten tolle Gespräche. Ich habe mich gefreut und auch ein bisschen geschmeichelt gefühlt, dass er offensichtlich daran interessiert war, sich mit mir auszutauschen. Lebendiges Eigeninteresse an mir von Kolleg_innen, die in der Institutionshierarchie über mir stehen, hatte ich bis dahin noch nie erlebt.

Bestimmt spielten da auch klassische heterosexuelle Typ-und-Frau-Muster eine Rolle. Bestimmt hat mir auch gefallen, dass sich ein Typ für mich interessiert. Aber das stand nicht im Zentrum. Ich hatte kein tiefergehendes, persönliches Interesse an ihm. Ich wollte eine Augenhöhe-Beziehung zu einem Kollegen, mit dem ich ähnliche Themen habe. Vor allem wollte ich einen neuen Job.

Der Übergriff, oder: Typ will Frau

Zweimal verabredeten wir uns, um während der Mittagspause einen Spaziergang zu machen und uns zu unterhalten. Da sprachen wir auch mal über privates. Oder genauer: Er sprach über privates. Dass er Kinder hat und mit der Mutter nicht zusammenlebt. Wie er seine neue Wohnung einrichtet. Ich hatte keine Lust darauf, irgendwelche Details über meinen eher „unkonventionellen Lebensstil“ zu offenbaren, und hielt mich bedeckt und allgemein.

Bei unserem zweiten Spaziergang, wir waren in einem Park in der Nähe der Institution, versuchte er plötzlich und ohne Vorwarnung, mir einen Arm um die Schultern zu legen, mich zu sich zu ziehen. Er sagte „Ich will dich küssen, [mein Name]“. Ich war geschockt und machte einen Satz zur Seite. Eine Sache von Millisekunden. Ich erinnere mich nicht mehr, was genau ich danach gesagt habe und wie ich den Weg zurück ins Büro überstanden habe. Ich glaube, dass ich nach außen hin ganz ruhig war und ihm erklärt habe, dass solche Avancen für mich überhaupt nicht klar gehen, dass ich so was nicht von ihm will.

Zurück in der Institution habe ich mich an einem ruhigen Ort versteckt und geheult. Ich zitterte und sah Sterne. Mir war kotzübel. Ich rief einen meiner Beziehungsmenschen an und heulte weiter. Soviel zum Thema „Begegnung auf Augenhöhe“. Soviel zu einem neuen Job. Ich war doch nur die Frau, die mann anfassen darf. Die Tatsache, dass ich mit einem Mann spreche, mich mit einem Mann austausche, bedeutete „natürlich“, dass es eine sexualisierte Ebene geben musste. Wenn ich ein Typ wäre, hätten wir nach unserer ersten Begegnung überhaupt Kontakt gehabt? Oder wäre mir irgendwann einfach „aus heiterem Himmel“ eine neue Stelle angeboten worden? Ich war wütend, tieftraurig, und wahnsinnig enttäuscht. Ich lachte darüber, dass mich so ein „kleiner“ Übergriff so sehr aus der Fassung bringen konnte. Immerhin hatte ich schon viel, viel Schlimmeres in meinen Ex-Beziehungen zu Männern erlebt.

Ich schrieb S. eine Email von meiner Büro-Adresse aus, nur zwei, drei Sätze darüber, dass er mich und meine Grenzen zutiefst verletzt hatte und ich keinerlei Kontakt mehr zu ihm wollte. Daraufhin schrieb er mir mehrere entschuldigende Nachrichten, auch an mein privates Postfach. Als das nicht aufhörte, obwohl ich nicht antwortete, fing ich an, Angst davor zu haben, dass er plötzlich in meinem Büro stehen könnte. Ich ging mit Bauchschmerzen zur Arbeit und öffnete mit Bauchschmerzen mein Email-Programm. Ich vertraute mich zwei Kolleginnen an, die entsetzt reagierten und versprachen, S. im Notfall aus meinem Büro heraus zu prügeln.

In der Institution gibt es keine „neutrale“ Ansprechpartner_in, an die wir uns wenden können, wenn wir sexualisierte Gewalt erleben. Die einzige Person, mit der ich „offiziell“ hätte reden können, ist diejenige, die auch über Einstellungen und Entlassungen entscheidet. Ich wollte aber nicht, dass „der Vorfall“ berufliche Konsequenzen für S. hat. So wenig ich ihn kannte, wusste ich immerhin, dass er seine Arbeit liebte, Kinder zu versorgen hatte. Ich war mir ziemlich sicher, dass er keine Gefahr für andere Kolleginnen darstellte – in seinen Emails schrieb er, er hätte Gefühle für mich und diese auf die falsche Art ausgedrückt, es täte ihm leid.

Ich sprach also nicht mit der „offiziellen Instanz“, sondern „nur“ mit meinen beiden Kolleginnen. Von ihnen habe Unterstützung, Verständnis und Solidarität erfahren, für die ich bis heute zutiefst dankbar bin. Eine von ihnen begleitete mich, als ich mich schließlich mit S. traf, um ihn ein für alle Mal zu verstehen zu geben, dass er aufhören soll, mir Emails zu schreiben. Ich sagte ihm ins Gesicht, dass ich nie mit ihm arbeiten würde, dass er mich unglaublich verletzt hat, dass er keine Ahnung hat, wer ich bin. Ich bin bis heute stolz darauf, dass ich das geschafft habe. Er stand mit zitternden Händen und hochrotem Gesicht vor mir und hat nicht einmal hinbekommen, mir in die Augen zu sehen.

Danach habe ich einfach meine Arbeit weiter gemacht und irgendwann aufgehört, an den „Vorfall“ und an S. zu denken. Bis diese Arbeitsgruppe eingerichtet wurde.

Im Raum mit dem Täter

Natürlich hat mich niemand gefragt, ob ich da mitmachen möchte. Das ist nun einfach so, das wurde so entschieden. Als mein Kollege mir erzählte, wer außer uns Teil dieser Gruppe ist, wurde mir schlecht und ich konnte mich nicht mehr auf das Gespräch konzentrieren. Ich sagte ihm, dass ich mit einer der Personen aus guten, persönlichen Gründen nicht arbeiten könne, dass das emotional belastend für mich sei. Ich glaube nicht, dass er die Tragweite verstanden hat. Und er kann ohnehin nichts daran ändern, dass wir beide nun dort mitarbeiten. Wenn ich da raus wollte, müsste ich zu meinem Chef gehen.

Aber was würde er sehen? Eine „hysterische“ Frau, die auch nach einem Jahr noch überreagiert wegen eines „kleinen“ Vorfalls? Ich glaube, ich tue ihm Unrecht mit solchen Gedanken, aber ich werde sie trotzdem nicht los. Ich habe Angst um etwas Abstraktes, um mein „professionelles Standing“, um das Bild der selbstbewussten, klugen, bestimmten Frau, die ich auf meiner Arbeit bin. Ich will nicht, dass mein Vorgesetzter weiß, dass mich das alles so sehr mitnimmt, will nicht, dass er glaubt, ich sei „schwach“ und „emotional“. Internalisierter Sexismus, ich weiß. „Männliche“ Eigenschaften = gut & karrierefördernd. „Weibliche“ Eigenschaften = schlecht & karrierehemmend.

Also war meine erste Strategie, mit der Situation umzugehen, mich penibel auf alle Sitzungen vorzubereiten, um mitdiskutieren zu können, um mein professionelles Gesicht zu wahren. Jeder Satz in dieser Runde war ein Kraftakt für mich. Jede spannende Diskussion, jede inspirierende Idee wurde überstrahlt davon, dass ich nicht in diesem Raum sein wollte. Immerhin gab es zwischendurch Momente, in denen ich so auf ein Thema oder andere Leute konzentriert war, dass ich S. kurz vergaß. Aber die Zweifel blieben. Werde ich mich wirklich „mit der Zeit“ besser fühlen? S. sah mich nie an, obwohl er die Sitzungen moderierte. Ob das den anderen auffällt?

Meine Freund_innen sagten, zieh dich aus dieser Gruppe raus, wenn es dich so sehr belastet. Du musst keinen Raum mit einem Täter teilen. Es muss Möglichkeiten geben. Meine Kolleginnen sagten, pass auf dich auf. Du kannst dich da rausziehen. Es gibt Möglichkeiten. Aber ich wollte das nicht. Ich wollte nicht aus der Gruppe raus, „nur“ weil dieser Typ da ist. Ich wollte ihm nicht diese Macht über mich einräumen. Ich wollte da mitarbeiten, aber ich wollte all diese Scheiße nicht mehr fühlen müssen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als irgendetwas zu tun.

Überlebensstrategien

Ich entschied mich dafür, zwei Dinge zu tun. Erstens wollte ich aus „meinem“ Problem von meiner persönlichen auf eine politische Ebene heben: Dass ich plötzlich mit S. arbeiten muss, ist nicht „mein“ Problem. Es ist ein strukturelles Problem der Institution, die keinerlei Vorkehrungen getroffen hat, um Betroffene von sexualisierten Übergriffen vor solchen Dilemmata zu schützen. Und nicht nur gibt es keine Schutzvorkehrungen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit betonen Menschen aus den Führungsetagen, sexuelle Belästigung gäbe es „bei uns zum Glück“ nicht. Ich wollte das Schweigen brechen und Kolleg_innen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, zeigen: Ihr seid nicht allein.

Also kontaktierte ich den Betriebsrat und bot an, einen Artikel über meine Erfahrungen zu schreiben, ein Plädoyer für eine unabhängige Gleichstellungsbeauftragte. So konnte ich endlich etwas gutes aus meiner beschissenen Erfahrung machen, etwas, das vielleicht Veränderungen anstoßen würde.

Zweitens wollte ich noch einmal mit S. sprechen, einen Modus Vivendi herstellen – entgegen der Warnungen meiner Freund_innen und Kolleginnen, die mich alle an S.‘ Emails erinnerten und daran, dass es nicht meine Aufgabe sei, in Bezug auf ihn irgendeine Art von „Beziehungsarbeit“ zu leisten. Theoretisch hatten sie recht, praktisch halfen mir solche Kommentare nicht aus meiner Misere heraus. „Reden“ schien mir die einzige Möglichkeit zu sein, die Spannung in den Sitzungen aufzulösen.

Immerhin schien es ihm leid zu tun. Immerhin konnte er mir immer noch nicht in die Augen kucken. Offensichtlich ging es ihm auch nicht gut mit meiner Anwesenheit in dieser Runde. Und ich fand ihn ja nett, es gab Gründe dafür, weswegen ich gerne Kontakt zu ihm hatte, bis zu dem „Vorfall“. Ich glaube nicht, dass er ein schlechter Mensch ist. Ich glaube, dass er sich in einer einzigen, entscheidenden Situation wie ein Arschloch verhalten hat. Ich glaube, dass er ein Mann ist, der getan hat, was er sein Leben lang gelernt und geübt hat.

Also bat ich ihn um ein Gespräch. Es ist gut gelaufen. Es hätte genauso gut schrecklich schiefgehen können. Aber er gab mir Raum, noch einmal zu erzählen, wie sehr er mich verletzt hatte. Ich konfrontierte ihn auch damit, dass ich plante, einen Artikel über seinen Übergriff zu schreiben. S. schluckte und nahm das so hin. Er entschuldigte sich noch einmal, versuchte nicht, sich herauszureden. Er sagte, was er getan hat, beschäftige ihn seit einem Jahr, er habe viel über sich gelernt, was er nicht hatte lernen wollen, das sei wichtig und schmerzhaft gewesen. Ich glaube ihm. Und ich bemerkte in dem Gespräch, dass so etwas wie „Heilung“ möglich ist, dass es – zumindest zwischen uns – die Möglichkeit gibt, seinen Übergriff und dessen Folgen zu bearbeiten. Wenn ich ihn nun ansehe, dann sehe ich keinen „Täter“, sondern einen Mann, der sich seiner Täterschaft bewusst ist. Ich bin unendlich erleichtert und froh, dass ich nicht auf die warnenden Stimmen in meinem Umfeld, sondern auf meinen Instinkt gehört habe.

„Opfer-Täter-Ausgleich“ und „Erfahrung politisieren“ – diese beiden Ansätze waren schlussendlich die einzigen, die mir geholfen haben, mich in einer Situation, in der ich mit S. zusammenarbeiten muss, wieder stark und selbstbestimmt zu fühlen.

Was bleibt, ist das eklige Gefühl, dass ich aus beruflichen Gründen dazu gezwungen war, mich erneut mit einer beschissenen Erfahrung auseinanderzusetzen, ohne mich freiwillig dazu entschieden zu haben. Ich musste Zeit und sehr viel Kraft investieren, musste S. selbst ansprechen, weil mir bewusst war, dass er diesen Schritt nicht tun würde – ich hatte ihm ja sehr deutlich gemacht, dass ich nicht wollte, dass er mich erneut kontaktiert, dass ich nie mit ihm arbeiten würde. Keine von sexualisierter Gewalt (am Arbeitsplatz) betroffene Person hat es verdient, „alleine“ die Kämpfe ausfechten zu müssen, die ich ausgefochten habe. Gäbe es in der Institution irgendein Bewusstsein für sexualisierte Gewalt und ihre Folgen, gäbe es eine Ansprechperson, dann wäre mir das alles vielleicht erspart geblieben.

Ich bin mir sicher, dass es unzählige Menschen gibt, die ähnliches erlebt haben wie ich und niemals die Erfahrungen machen, dass Kolleginnen ihnen zur Seite stehen, dass der Täter ihnen gegenüber Verantwortung übernimmt, dass der Betriebsrat ihrer Geschichte zwei Seiten Platz in seiner Zeitschrift einräumt. Und selbst mit diesen Erfahrungen bleibt eine Verletzung, eine Enttäuschung, ein Misstrauen gegen Männer, die mit mir sprechen. Eine Narbe unter vielen, die mich daran erinnert, was es heißt, in dieser Welt eine Frau* zu sein.

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